"Je m'appelle Thomás!" -Neues vom Kometen, Fixstern’ und Planeten.

"Je m'appelle Thomás!"
Neues vom Kometen, Fixstern’ und Planeten.


1
Das ist einer dieser Donnerstagabende, an denen man eigentlich nur ein Bier trinken gehen will. Wir suchen nicht lange und landen deswegen in der Waldohreule, eine hessische’ Bar im Kiez um die Ecke, die trotz ihres modernen Ambientes, eine annehmbare Atmosphäre ausstrahlt. Allemal gut für ein Bier.

Wir leeren gerade unsere erste Runde Bierkrüge, als ein älterer Mann herein kommt. Er geht nicht etwa an uns vorüber, sondern steigt rüstig, jedoch umständlich über den mit Flaschen und Gläsern überladenen, Knie hohen Tisch, plumpst wie Sack Reis auf das Sitzmöbel und kuschelt sich zielsicher, aber eng an Phillips linke Seite - ohne zu fragen.
Etwas irritiert fahre ich damit fort, den Phillip mit den Ausführungen über meiner neuesten kreativen Momente der Woche in Form von Gedankenfragmenten vollzutexten, die mir als Kurzfilme eingefallen sind. So laufen sie zumindest in meinem Kopf ab.
Der alte Typ hängt wie ein Schluck Wasser in der Kurve neben Phillip auf dem Sitz, und lauscht scheinbar desinteressiert unserem Gespräch. Sein Kopf schlummert auf Phillips Oberarm.
Seine verblichenen Jeans stecken in wadenhohen, grauen Winterstiefeln aus billigem Kunstleder. Zusammen mit der 80er-Jahre Blue-Jeans-Jacke sieht das ziemlich Scheiße aus. Er hat einen langen grauen Bart, den er vom Kinn an abwärts, kunstvoll zu einem Asterix-Zopf geknotet trägt.
Phillip fühlt sich wohl etwas unbehaglich ob der unfreiwilligen physischen Nähe seines Kuschelpartners.

Plötzlich setzt der Alte sich grade auf, fährt sich mit der Hand über den Bartzopf und zeigt starren Blickes mit dem Zeigefinger auf mich. Dann ruft er aus: „Du heißt Thomas!“

Mitten im Satz unterbrochen, in Berlin ruft mich nämlich niemand so, sehe ich ihn verblüfft an, und stammle „Äh,…ja, stimmt!“
„Ha!“ ruft er aus, „ich wusste es!“ Dabei schlägt er sich freudig auf den rechten Oberschenkel und schüttelt den Kopf.
„Naja, stimmt nicht so ganz“ sag ich, „meine Freunde nennen mich Tom!“
„Du solltest deinen Namen nicht abkürzen!“ wendet der Mann ein, und schüttelt stolz seine graue Mähne. „Außerdem sind wir ja keine Freunde!“ Damit hat er definitiv Recht. „Reine Definitionssache!“ freut sich der Phillip und grinst erleichtert über die nicht mehr allzu große körperliche Nähe.

„Das ist der Phillip!“ stell ich ihn vor. „Ja, hallooo Phillip! Ich freu mich dich kennen zu lernen! Ich freu’ mich ja immer Menschen zu treffen! Vor allem, wenn sie so nett und sympathisch sind wie ihr beide!“ sülzt er, aber wirkt dennoch glaubhaft.

Er bringt sich schnell ins Gespräch ein, vielmehr reißt er es an sich. Und nach einer Weile fällt mir auf, daß er bei Gelegenheit seinen Namen gar nicht genannt hat.
„Wie heißt du denn eigentlich?“ frag ich ihn direkt.
Er räuspert sich kurz, streckt die Brust raus und sagt:
„Ich heiße Komet!“Worauf Phillip und ich das Bier gleichzeitig aus dem Mund spotzen. Wir beginnen zu lachen, der Komet lacht herzlich mit. Was für ein absurder Typ.
„Ist das dein Vor- oder Nachname?“
„Nur Komet bitte. Das reicht völlig aus!“, sagt er dann völlig ernsthaft.
"Würde auch blöd klingen -Alfred Komet!" meint der Phillip.

Wir sind, wie immer in letzter Zeit, chronisch pleite. Phillip spart für den Urlaub. Doch an diesem Abend scheut er sich nicht sein Urlaubstaschengeld anzubrechen. "Kriegen die Kinder eben kein Eis." Und so besorge ich an der Theke für Phillip und mich neues Bier.
Als wir dann da so zusammen sitzen, der Phillip, der Komet und ich, da denk ich, daß es jetzt unhöflich sei, den etwas durstig und vor allem gierig drein blickenden Kometen von Philips Geld nicht auch zu einem Bierchen einzuladen. Wann hat man schon mal die Chance, einem echten Himmelskörper zu begegnen? Das sieht selbst Phillip ein.

Der Komet beweist Charakterstärke und schlägt eine Einladung nicht aus. Vielmehr beweist er einen guten Zug, mit dem er gleich die Hälfte des 0,5l-Glases leert. Dabei tropft eine nicht unerhebliche Menge aus dem Bartzopf auf seine Hose.

Er erzählt, er lebe ca. 149 km nördlich von Berlin in einer alten Mühle in einer Art Kommune. Dort steige bald eine Party, ein Rave, und wir sollen kommen.
Er will eine Telefonnummer von uns, ich gebe ihm die von Phillip, der mich böse ansieht. „Schön, ich ruf dich an, Phillip, ihr müsst kommen unbedingt! Da sind auch sehr viele nette Frauen, so wie hier!“ zwinkert er.

Wir sehen uns in der Lounge um. Alles wohl nette, aber relativ junge Frauen von Anfang bis Mitte 20.
„Wie alt bist du?“ frag ich ihn.
Er druckst herum und lügt augenfällig: „Ich bin 49!“
„Das ist für einen Himmelskörper kein Alter!“, sag ich scherzhaft. Er lacht.
„Du bist sehr lustig!“ antwortet er, und ich bin mir nicht sicher, ob er das wirklich so meint oder ob lediglich die Ironie nicht verstanden hat.
„Die Frauen hier sind doch ein wenig zu jung für dich, oder?“
„Willst du etwa damit sagen, ich sei zu alt, um solche Frauen zu haben?!“ fragt er empört. Das wollte ich damit nicht sagen, aber selbst mir waren sie zu jung.

„Pass auf, ich kenn ein paar unschlagbar gute Tricks…“, behauptet er verschwörerisch, wobei er die Unterlippe nach unten stülpt und gleichzeitig mit dem Zeigefinger das linke Augenlid nach unten zieht, „…die verrat ich euch mal. …Mach ich aber nur, weil ihr mir so unglaublich sympathisch seid!“

2
Der Komet plaudert über dies und das aus seinem bewegten Leben, wobei er des öfteren abschweift, um dem ein oder anderen Himmelskörper hinterher zu blicken, welche mit wehendem Haarschweif durch die Lounge an uns vorbei rauschen. Dann kommt er zu den Tricks....

„Seht ihr die Frau da drüben, die an der anderen Wand sitzt? Die mit dem dunklen Trägershirt und den dicken Dingern, mein ich!“
Wir nicken blöd und fokussieren ihre Brüste sowie die rasierten Achselhöhlen der ungefähr 20-jährigen jungen Frau.
„Die hatte ich schon mal!“
„Aha!“ staunen wir und glotzen sie weiter an. "Kaum zu glauben."
„Wollt ihr wissen, wie’s dazu kam?“
„Hm,..!“, sagt der Phillip, „bin mir nicht sicher!“
„Klar, wie kam’s dazu?“, sag ich gespannt, denn ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Abgesehen davon, der Komet hätte es sowieso erzählt.

„Also, das war so...-hört genau zu, der Trick ist wirklich gut…!“
„Muss wohl!“ wendet der Phillip lakonisch ein. Ich seh ihn an, er ist auch nicht grad ein Kostverächter.
„Hör lieber zu,…also…wenn ich auf ein Rave oder irgend ’ne Technoparty gehe, leg ich mich einfach rücklings zwischen die Leute auf die Tanzfläche und entspann mich!“

Wir gucken uns fragend an. Der Komet macht eine epische Pause.
(Die ich durch eine leere Seite im Buch darstellen werde, sofern mein Verlag zustimmt. Hier sollen drei Leerzeilen genügen).
Eine epische Pause von der Länge einer Supernova.



„Na, da bleib so lange liegen, bis eine Frau vorbei kommt und mich anspricht! Die fragen immer, ob’s mir gut geht, ob sie mir helfen können und so weiter...! Ich sag dann: Baby, jetzt, wo du da bist, geht’s mir erst richtig gut. Das mögen sie. Dann helfen die mir auf –wichtig, schon mal erster Körperkontakt! Und ZACK, hab ich sie. Wenn wir erst mal reden, widersteht mir sowieso Keine! Von wegen Erfahrung, Charme und Charisma! Wenn man so eine Aura stets um sich hat und auch sehr gut aussieht.....“. Dabei streicht er sich süffisant über den Zopf.
„Jaja, ...biste sicher, dassas nicht nur Hilfsbereitschaft und aus Höflichkeit ist?“
„Och, ihr musst noch viel lernen!“
Lachend, aber ein bisschen eingeschnappt, und wohl auch, weil das Bier alle war, und keiner von uns Anstalten machte, neues zu holen, steht er auf und sagt, er wolle noch mal ‚drüben’ gucken. Mit ‚drüben’ meint er das Safari-Zimmer. "Na, dann mal ran an die Bouletten!", sagt Phillip.
Anlässlich eines Geburtstages spielt dort eine Live-Band und die Bar ist heute sowieso rammelvoll wie selten. Der Komet geht auf den Flug durch Raum und Zeit.

Der Phillip, seines Zeichens, halber Franzose mit Vorliebe für Crepés und anderes Süßes, wie kleine klebrige Tete-a-tetes, und ich frotzeln noch eine Weile und amüsieren uns über die Geschichten, die der Komet verzapft hat. Phillip will mich nur noch "Thomás" nennen. Arschloch.
Dann sag ich zum Phillip: „Ich geh mal auf’s Klo, und dann seh ich mir auch mal die Band an!“ Phillip will die guten Plätze nicht aufgeben und bleibt grübelnd über die Tipps vom Kometen sitzen.

3
In dem sehr engen Raum sind eine Menge Leute.

Vor der sieben-köpfigen Band tanzt der Komet wie ein Gummiball a-rhythmisch zur Musik. Ich geh erst mal die Blase entleeren.
Als ich wieder komm, liegt vor dem Drummer, zwischen Bassist und der Horn-Sektion rücklings der Komet auf dem Boden, die Arme hinterm Kopf verschränkt -und grinst entspannt.
In nächsten Moment geht ein Mädel auf ihn zu. Sie reden kurz, dann lässt er sich hoch helfen. Ein todsicherer Trick, wie er uns versichert hat. Ich bin verblüfft.

Phillip lacht, als ich ihm das erzähle „Gibs do nich!“
Als der Komet dann später in der Nacht noch einmal zu uns stößt, sieht er nun eher Methusalem ähnlich. Sein Bartzopf ist verschwunden, der hat sich „einfach so schwupsdiwups aufgelöst“ und die langen grauen Fusseln hängen wirr herab.
Dies, so verriet er uns augenzwinkernd im beschwörenden Tonfall, geschehe fast immer im L a u f e einer N a c h t wie d i e s e r -und das sei einer seiner b e s t e n Tricks.
„Jaja, ich hab dich gesehen!“, sag ich.
„Ach?...Hm,...hat nicht geklappt. Die hatte einen Freund!“, kommentiert er knapp.
Dann verabschiedet er sich: „Ich hab da noch w a s gesehen...!“

Kurz darauf hör ich meinen Namen mit französischem Akzent laut durch die Lounge gerufen: "THOMÁS'! SIEH HER! ES KLAPPT HEUTE DOCH NOCH!"
Wir sehen ein junges Fixsternchen, das dem Kometen seinen ergrauten Schweif kunstvoll zu einem Zopf zusammen bindet.

Im Übrigen glauben wir, „Komet“ bedeute eigentlich „Komm mit“ -sein bester Trick.

So sind sie, die Kometen, aus- und abschweifend.



Epilog:

Diese Geschichte erzählte ich einer Freundin aus Frankfurt. Die meinte dann lachend: „Du, den hab ich hier auf 'ner Party gesehen!“
Die Einladung hat er tatsächlich vorbei gebracht, Phillip, der Sack, hat ihm meine ADresse verraten –höchstpersönlich stand er im dunklen Hinterhof meiner Kreuzberger Wohnung und erschreckte mich mit einem Flyer in der Hand. 2006 hab ich ihn noch mal beim ersten Spiel der Deutschen Mannschaft zur Fußball-WM gesehen. Wir saßen an der Schlesische Straße vor einer Kneipe, als der Komet auf einem Damenrad mit rosa Plüsch-Verkleidung angebraust kam. Er trug eine bunte Wollmütze auf dem wallenden grauen Haar und eine Kühlmaske für die Augen mit rotem Gel, wie sie Menschen mit starker Migräne benutzen. Naja, war ja auch ganz schön heiß an dem Tag.

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05. April 2007:
Heute den Kometen getroffen. Komm doch mal zur Mühle, dann werfen wir ein paar Sternschnuppen..


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